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Servolenkungen im Oldtimer

Die Auto Bild Klassik hatte vor vielen Jahren geprüft ob es Sinn macht eine Servolenkung nachzurüsten. Ein Autor meinte „Wer cool Oldie fahren will, sollte auch leiden können“. Wir haben uns ein eigenes Bild gemacht.
Auch richtige Frauen lieben alte Autos, selbst wenn die Lenkung einen kräftigen Fahrer erfordert. Altersbedingt nachlassende Kräfte oder ein anderes Handikap können jeden von uns treffen. Keine Frage, man sollte Oldtimer möglichst original belassen. Man sollte sie aber auch noch leicht und sicher fahren können. Gut dass es dafür eine Lösung gibt.

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Hier fing alles an
Werkstatt

Den Bericht aus der AUSTRO CLASSIC 5/2018 durften wir mit freundlicher Erlaubnis des Verlages übernehmen.
Elektrische Lenkhilfe im Oldtimer?
Ähnlich wie heute haben Fahrzeugbesitzer auch früher nach Lösungen gesucht, um ihre Fahrzeuge aufzuwerten und an eigene Vorstellungen anzupassen. Die Tuning-Szene von heute bietet alles Erdenkliche zu Sound, Licht und mehr Power, für fast jedes an. Früher musste man noch selbst Hand anlegen, um den günstigen Gebrauchten aufzuwerten oder um ihm mehr Leistung einzuhauchen. Nicht selten haben die Schrauber und Tüftler von damals ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. In ihren Firmen nutzen sie die gesammelten Erfahrungen beim Restaurieren, Tunen und Optimieren der Fahrzeuge. Die beiden befreundeten Niederländer Roger Reijngoud und Ruud Jong sind ein gutes Beispiel für eine solche Karriere. Schon mit 16 hatte Roger von einem OPEL-GT geträumt. Irgendwann hat er sich diesen Wunsch erfüllt. Der Zustand des Wagens war gut, zufrieden war Roger dennoch nicht mit ihm. Die Motorleistung war zu gering. Ein stärkerer Motor löste das Problem. Dann passte die Getriebe-Übersetzung nicht mehr zur höheren Leistung, sie war jetzt zu kurz. Mit dem Einbau einer anderen Hinterachse wurde auch das verbessert. Eine weitere Folge war die jetzt grenzwertig gewordene Bremsanlage. Auch dafür fanden er und sein Freund eine  Lösung. Irgendwann entsprach der Opel seinen Vorstellungen. Alles war gut.
Fast alles!
Auch seine Frau mochte das Auto. Fahren wollte sie es jedoch nicht, obwohl er so optimiert richtig Spaß machte. Auf die Frage nach dem „Warum“, drückte sie ihm eine Einkaufsliste in die Hand und bat ihn mit GT zum Supermarkt zu fahren. Auf Touren ist der Wagen toll. Das Einparken und Rangieren im engen Parkhaus machte jedoch deutlich weniger Spaß. Die breiten Reifen verursachten, im Stand und bei sehr langsamer Fahrt, erhebliche Lenkkräfte. Auch hierfür suchten und fanden Roger und Ruud eine Lösung.
Die Lenkhilfe
Die hydraulische Servo-Lenkung wurde schon vor über 100 Jahren in den USA erfunden und dort vorwiegend bei großen, schweren Fahrzeugen und bei Luxus-Gefährten verbaut. Für kleine, leistungsarme Fahrzeuge sind diese weniger geeignet. Sie benötigt viel Platz und nehmen vor allem ständig ca. 5 % der Motorleistung. In den 88ern entwickelten die Japaner ein erstes elektrisch unterstütztes Lenksäulen-System für Minicars. Für die Steuerung der Unterstützungskraft hatte man jedoch noch keine Lösung parat und das System verschwand bald wieder in der Versenkung. Erst in den 90er-Jahren kam eine elektrische Servolenkung auf den Markt, bei der die Unterstützungskraft des Motors über Kraft- und Geschwindigkeit messende Sensoren gesteuert wurde. Kleinwagen von Honda, FIAT, Toyota und auch der BMW Z4 gehörten zu den ersten Fahrzeugen, bei denen dieses System verbaut wurde. Die Vorteile dieser Lenkhilfen sind beachtlich. Der Platzbedarf deutlich geringer und sie verbrauchen nur dann Energie, wenn die Unterstützung benötigt wird. Auf die Motorleistung wirkt es sich daher nicht aus.
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EZ Power Steering
H mit Lenk-Servo geänderte Pedale
Talbot

Aber zurück zu Roger und seinem GT. Die beiden Tüftler bauten in eine zweite Lenksäule die Servo-Technik aus einem Opel Corsa ein. Zufrieden waren sie jedoch nicht damit. Der Antrieb war sehr groß und passte nur knapp in den beengten Raum unter dem Armaturenbrett des GTs. Zudem war die mechanische Steuerung der Unterstützungskraft nicht wirklich zufriedenstellend. Eine deutlich ausgereiftere Lösung kam aus Japan. Hier erfasst ein Sensor, über einen auf das jeweilige Fahrzeug abgestimmten Torsionsstab, den mechanischen Widerstand beim Lenken. Ein weiterer Sensor in der Tachowelle ermittelt einen Bezug zur Geschwindigkeit. Nur bei sehr geringer Geschwindigkeit benötigt man viel Unterstützung. Aus den ermittelten Messwerten berechnet eine Computer-unterstützte Steuerung die jeweils erforderliche Kraft. Bei Geradeausfahrt ist die Unterstützung abgeschaltet. Zusätzlich kann man über ein Potentiometer die Höhe der Unterstützung für den jeweiligen Nutzer optimieren oder sie auch ganz abschalten.
Das Plus bei der Sicherheit
Bei Ausfall des mechanischen Antriebes (Motor aus oder Antriebsriemen gerissen) einer hydraulischen Servolenkung steigen die Lenkkräfte erheblich, weil neben den mechanischen Kräften auch noch der sehr hohe Widerstand des Hydrauliköles überwunden werden muss. Beim Systemausfall bei der elektrischen Lenkhilfe sind die Lenkkräfte wieder so wie sie früher, ohne Servo-Unterstützung. Die Lösung von Roger und Ruud sprach sich schnell in den Niederlanden herum. Der Besitzer eines Volvo P1800 war der Erste, der nach einer Lenkhilfe fragte und sie bekommen hat. Das Interesse in der Volvo-Szene war groß und zwei weitere Volvos wurden ebenfalls umgebaut. Als diese Fahrzeuge auf einer Oldtimer-Messe gezeigt wurden, waren auch Besitzer anderer Marken interessiert und die beiden Tüftler bekamen viele Anfragen und auch erste Aufträge.
Heute werden die Servo-Antriebe und Steuerungen von der Firma NSK, einem international arbeitenden Zulieferer der Automobil-Industrie und u.a. Spezialist für elektrische Servolenkungen bereitgestellt. Die bei EZ verbaute Servo-Technik ist somit immer auf neuestem Stand und steht für höchste Sicherheit und Zuverlässigkeit. Der deutsche TÜV-Nord hat die EZ-Lenkhilfen bereits 2009 sehr aufwändig geprüft, deren Sicherheit bestätigt und zugelassen. Heute produziert EZ seine Lenkungen für alle gängigen Oldtimer, Special Cars und entwickelt auch Einzelanfertigungen für besondere Fahrzeuge. Für die meisten Oldtimer sind die Lenkungen lagermäßig vorhanden, selbst wenn, wie zum Beispiel beim MGB oder auch beim Morgan, je nach Baujahr, Modell und Auslieferungsland mehrere, völlig unterschiedliche Lenksäulen verbaut waren. Bei besonderen Vorkriegs-Fahrzeugen, wie z.B. dem Rösch-TALBOT, der gerade in Arbeit war, musste zunächst noch eine neue Lenksäule entwickelt werden, um den Servo-Antrieb an idealer Stelle zu platzieren. Nur so kann die Lenkung gut versteckt und in einer beim Fahren nicht störenden Position montiert werden.
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Für alle Neukonstruktionen werden neben Zeichnungen und Skizzen auch Muster und Vorrichtungen erstellt, die eine Reproduktion jederzeit möglich machen. Zudem werden nicht nur eine, sondern gleich fünf identische Lenkungen angefertigt. So ist EZ bei weiteren Anfragen sofort lieferfähig. Und unser Morgan? Die serienmäßige Kugelumlauflenkung benötigt beim Rangieren, Einparken und beim Wenden auf engen Flächen sehr viel Kraft. Ein anderer Morgan-Besitzer, der seinen Wagen wegen eines Handicaps umbauen musste, machte uns auf die EZ-Servolenkung aufmerksam. Obwohl unser Wagen vor 25 Jahren gebaut wurde, rechts gelenkt ist und eine US-Lenkwelle hat, war auch diese Lenkung beim Hersteller lagermäßig vorhanden.
Schon kurze Zeit nach unserer Anfrage bekamen wir einen Termin. Neben deutschen und britischen Fahrzeugen wurde auch an US-Cars gearbeitet. Die Kennzeichen der Oldtimer kamen aus verschiedenen europäischen Ländern. Insgesamt werkeln 18 Mitarbeiter fleißig an verschiedenen Fahrzeugen oder sind mit der Produktion neuer Lenkungen beschäftigt. Ein Monteur widmete sich ausschließlich unserem Wagen. Die neue Lenkung und alle Anbauteile passten ohne irgendwelche Veränderungen am Fahrzeug zu unserem Morgan. Dennoch war es mehr Arbeit, als wir vermutet hatten. Als am Ende alles fertig war, sah alles genauso aus wie vorher. Lediglich der gelbe Sicherungslack an Schrauben und Muttern zeigte, dass hier gearbeitet worden war. Dass jetzt ein Motor an der Lenkwelle befestigt ist, bemerkt man nur, wenn man gezielt danach sucht. Den Unterschied bei den Lenkkräften merkt man im Stand jedoch sehr deutlich. Bei ausgeschalteter Stromzufuhr ist es genauso wie früher (Drehmoment im Stand 50 Nm). Strom eingeschaltet und die Lenkkraft wird um über die Hälfte reduziert (19 Nm). Das bedeutet, dass man am originalen Lenkrad beidhändig mit einer Kraft von 3 kg drehen musste. Mit Servo geht das Rangieren leicht und locker mit einer Hand. Beim Fahren auf gerader Strecke ist alles unverändert geblieben. Positiv ist auch, dass jetzt deutlich leichter reagiert werden kann, um zum Beispiel in einer Gefahrensituation schneller auszuweichen. Eine wirklich sehr gute Lösung, die schon nach kurzer Probefahrt überzeugte.
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Und, ist das H-fähig?

Das ist natürlich eine Frage, die alle Enthusiasten bewegen dürfte. Folgt man dem Wortlaut der H-Vorgaben, dann ist diese Lenkung nicht H-konform. In Oldtimer-Foren wird den „Warmduschern“, die nicht genug Kraft in den Armen haben, zum Kauf eines modernen Fahrzeuges geraten. Andere empfehlen den Umbau und raten ihn klug zu verschweigen, denn kaum jemand wird ihn bei der Prüfung bemerken. Uns reichte das natürlich nicht. Wir möchten wissen, ob Gutachter, ähnlich wie beim Nachrüsten von Sicherheitsgurt, Katalysator und Ähnlichem, einen gewissen Spielraum nutzen dürfen. Zumal diese Veränderung verdeckt und jederzeit rückrüstbar montiert wird. Einfach ist die Antwort nicht, denn in der aktuellen AKE-Arbeitsanweisung für die Begutachtung von Oldtimern steht: „Nachträgliche Ausrüstungen mit einer Servolenkung sind nur zulässig, wenn es diese für die Baureihe wahlweise gegeben hat.“
Wir haben einige Oldtimer-Spezialisten dazu befragt:

  • Der TÜV-Süd sagt dazu:
    „Ein Fahrzeugführer darf nur mit einem Fahrzeug unterwegs sein, wenn er auch körperlich dazu in der Lage ist. Menschen mit einem Handicap möchte man durch die Richtlinie jedoch nicht bestrafen. Das steht so auch eindeutig im Richtlinien-Katalog und das gibt den Gutachtern hier einen gewissen Spielraum bei der ,H‘-Entscheidung. Wichtig ist dabei, dass das Fahrzeug auch beim Ausfall eines Systems weiter sicher bewegt werden kann.“
  • In der Schweiz ist jede EZ Power Steering Anlage mit entsprechender Umbaubestätigung des geschulten und zertifizierten Einbaupartners zugelassen. Die Regeln und Grenzen für historische Fahrzeuge wurden dort weitgehend aus dem EU-Recht übernommen.
  • In Österreich hat die Firma S-TEC ein spezielles Gutachten für „Pinzgauer-Fahrzeuge“ mit der EZ-Lenkung erstellen lassen. Was die Einstufung als historisch bei Fahrzeugen mit dieser Lenkhilfe betrifft, wird das ähnlich gehandhabt wie in der Schweiz und in Deutschland.
  • Ein bekannter FIVA-FAHRZEUGPASS-PRÜFER würde ein so verändertes Fahrzeug sogar zur Mille Miglia zulassen, wobei die Veränderung zu einer Abstufung in der Bewertung führen würde. Er meinte: „Damit bekenne ich mich ganz klar zu solchen Hilfssystemen, die auch denjenigen, die im normalen Entwicklungsprozess schwächer geworden sind, die Satisfaktion gönnen, die Fahrzeuge ihrer Vorfahren im Verkehr zu bewegen.“
  • Wir von ClassicIndex.eu empfehlen daher: Vor dem Einbau sollten Sie sich unbedingt mit einem Spezialisten abstimmen. Ansprechpartner mit Erfahrungen beim Einbau in historische Fahrzeuge finden Sie "hier bei ClassicIndex.eu"

Freitag, 23. November 2018
Jürgen Feye-Hohmann
co ClassicIndex.eu
Partex Global GmbH
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