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Morgan-Weekend in Cornwall

Wer den ganzen Mai in Malvern Link im Zentrum der englischen Midlands verbringt, um im Morgan Werk für ein neues Buch zu recherchieren, und von morgens bis abends daran arbeitet, sehnt sich bald nach einem erholsamen Wochenende. Für eingefleischte Morgan-Fahrer kann so ein „Weekend in Cornwall" natürlich nur darin bestehen, die traumhafte englische Landschaft im offenen Lieblings-Roadster zu genießen. Das ist der wahre Gipfel des Genusses! Und tatsächlich – die Sonne strahlte, als wir Mitte Mai am Freitag um 13:30 Uhr – pünktlich zum Feierabend – das Morgan Werk verließen und auf der A 449 entlang der Malvern Hills Richtung Ledbury fuhren. Für alle, die nicht so oft in Großbritannien unterwegs sind: Bei der A 449 handelt es sich natürlich um eine Landstraße – Autobahnen werden mit M ... wie „Motorway" bezeichnet.

Und Autobahnen – so englisch sie auch sein mögen – meiden wir, wo immer wir können. Auch wenn in einem Morgan in der Regel der Weg das Ziel ist, manchmal gibt es ein konkretes – denn am 15. Mai wollten wir nach Newquay in Cornwall. Nicht, dass Newquay besonders reizvoll wäre. Die Stadt hat keine besondere Architektur zu bieten; sie ist eher touristisch angehaucht, aber sie liegt direkt am Meer und bildet durch ihre zentrale Lage in Cornwall einen idealen Ausgangspunkt für Ausflüge an Orte, die sich zweifelsohne als Reiseziel anbieten – der Autorin Rosamunde Pilcher sei Dank! Und die Küste ist ein wahres Surfer-Paradies. Und für einen echten Surfer ist die Gegend außerhalb des nassen Elementes ohnehin belanglos. Was allein zählt, sind die Wellen – und die gibt es dort hoch, brausend, reichlich. Doch wir hatten noch einen anderen guten Grund, gerade Newquay als Ziel zu wählen: Wie auch die berühmten Lemminge gehören Morgan-Fahrerinnen und -Fahrer zu den Herdentieren und nichts vermag das Erlebnis eines Ausflugs mit einem Morgan unter Gleichgesinnten zu toppen! Hier in Form einer Gruppe von 10 Morgan-Freunden aus dem fernen Nordrhein-Westfalen, die den skurrilen Ort für eine ganze Woche als Stützpunkt für die Erschließung Cornwalls ausgewählt hatten. Sie gehören alle zum „A46-Stammtisch" vom Niederrhein" und obwohl wir längst nicht alle Teilnehmer kannten und nur mit zweien wirklich eng befreundet sind, wurden wir „Nordlichter" herzlich für ein Wochenende in die Gruppe aufgenommen. Ungefähr 225 Meilen lagen also vor uns, zunächst auf der besagten A 449 Richtung Südwesten über Ross-on-Wye – bekannt durch einen Zulieferbetrieb für Morgan, der die galvanisierten Chassis produziert – Richtung Newport. Dann wieder ein Stückchen gen Osten, denn wir mussten schließlich den „Bristol Channel" überqueren, der Wales von Cornwall trennt. Anschließend quälten wir uns gezwungenermaßen noch ein paar Meilen über die Autobahn – was erstens als einziger direkter Weg über den Bristol Channel führt und zweitens an einem Freitagnachmittag einer Durchfahrt durch eine Großstadt wie Bristol – nur mit Roadbook und großmaßstäblicher Straßenkarte bewaffnet – vorzuziehen ist. Und wir hatten ja ein noch etliche Meilen entferntes Endziel: unsere Freunde in Newquay. Also: M 49; M 5 bis Exeter und dann wieder auf den liebgewonnenen engen Landstraßen durch die verträumten Kleinstädte – ständig ungewohnt links um die zahlreichen Kreisverkehre herum, denn schließlich befanden wir uns im rechtslenkenden England...

Für eine Erkundung des „Dartmoore-Nationalparks" blieb uns leider auch keine Zeit. Schade eigentlich. Wer erinnert sich nicht an den „Hund von Baskerville" oder den schaurig schönen Edgar Wallace-Film „Das Wirtshaus von Dartmoore" – der übrigens in Berlin gedreht wurde... Enid Blyton, Simon Becket, N.T. Carrington, Eden Phillpotts und natürlich Sir Arthur Conan Doyle – sie alle wurden von dieser einzigartigen Heide- und Moorlandschaft zu literarischen Glanzleistungen inspiriert. Und wir fahren einfach daran vorbei! In Newquay angekommen, bezogen wir zunächst unser bescheidenes Hotel und marschierten anschließend zum „Fistral Beach Hotel and Spa".
Punktlandung!
Denn wir saßen noch keine zehn Minuten auf der hoteleigenen Aussichtsterrasse, als wir das vertraute Röhren der Morgan-Kolonne zunächst hörten, dann die Moggis auf der abschüssigen Zufahrtsstraße neben dem Golfplatz erblickten. Zuerst die Überraschung der Besatzungen, zwei – zumindest einigen vertraute – Gesichter als Begrüßungskomitee zu sehen, dann die herzliche Begrüßung mit Umarmung. Einchecken im Hotel; erstes Guinness an der Hotelbar; gemeinsames Abendessen und spontane Verabredung mit unseren neuen Freunden für den nächsten Tag zu einer kleinen Ausfahrt. Der Abend endete eher zeitig, denn die anderen Morganauten hatten eine deutlich weitere Anfahrtsstrecke als wir zurückgelegt: Am Vortag über den Kanal nach Dover gekommen, lag am Freitag die fast 500 Kilometer (310 Meilen) lange Strecke von Sedlescombe nach Newquay vor ihnen – nahezu ausschließlich auf Landstraßen... teilweise kleinsten... staubigen...

Während wir zwei Hamburger am nächsten Vormittag schon einmal auf wirklich winzigsten Sträßchen gen Norden entlang der Küste nach Padstow fuhren, erholte sich die Gruppe erst einmal von den Strapazen der Anreise. Wenn wir von winzigsten Sträßchen reden, ist das auch so gemeint. Die B 3276 ist so schmal, dass an etlichen Stellen zwei Autos nicht aneinander vorbei passen. Hier sind Rücksichtnahme und wortlose Abstimmung angesagt. Trotzdem fährt hier sogar ein Bus, dem wir aber nicht wirklich begegnen wollten – zumindest nicht entgegenkommend. Weshalb das Ganze? Erstens sind die Stichstraßen Richtung Küste geradezu bezaubernd, und zweitens dient Padstow den Rosamunde Pilcher-Filmen als malerische Kulisse. Und obwohl wir niemanden nennen könnten, der sich ihre Filme wegen der hochliterarischen Inhalte sowie der tiefschürfenden Dialoge anschaut – jeder kennt sie und alle schwärmen von den pittoresken Orten, bezaubernden Häusern, einmaligen Landschaften... Und wir wollten zudem den schönsten Weg für einen ausgiebigen Ausflug am Nachmittag erkunden. Deshalb hoben wir uns die Fotoaufnahmen auch für die zweite Tour auf...

Und die Morgan-Reisegruppe vom Niederrhein?
Sie hatte einen halben Tag Autopause eingelegt und war in Newquay auf den Spuren Rosamunde Pilchers gelustwandelt. Nördlich des Golfplatzes befindet sich nämlich auf einer Landzunge das „Headland Hotel" – ein eindrucksvolles viktorianisches Grandhotel, das nicht nur bereits mehrfach selbst als Filmkulisse diente, sondern auch regelmäßig Mitglieder der Pilcherschen Filmcrew beherbergt. Natürlich wollen wir unseren Morgan-Freunden nichts unterstellen, aber so ein Fußmarsch zum „Headland Hotel" ist doch etwas für echte Fans. Als wir uns mittags trafen, luden die „Rheinländer" uns ein, am Wochenende an ihrem sorgfältig ausgearbeiteten Ausflugsprogramm teilzunehmen. Die für den Nachmittag geplante Autotour nach Godrevy Bay sollte sozusagen der „Cornwall-Appetitanreger" sein. Also nicht nach Norden Richtung Padstow, sondern gen Süden.

Da bei einem Morgan-Ausflug bekanntermaßen nichts dem Zufall überlassen wird, hatte Rainer bereits im Vorjahr alle ins Auge gefassten Routen und Locations ausgekundschaftet und ein ausführliches, liebevoll ausgestaltetes und bebildertes Roadbook erstellt. Die geplanten Ziele sollten auf vier weiteren Touren das uns schon bekannte Padstow, Port Isaac, Lands End und Mevagissey sein.
Cornwall total! Die Sonne brezelte vom wolkenlosen Himmel, als unsere Kolonne uriger, englischer Sportwagen Richtung Süden losknatterte. Mein „rothaariges Navigationssystem" hatte ausnahmsweise frei und konnte sich entspannt der Landschaft widmen. Erstes Ziel war ein Seafood Café namens „Rockpool", das nicht nur direkt am Wasser lag, sondern sich auch als idealer Ausgangspunkt für eine kleine Wanderung auf dem „SW- oder auch Cornish Coastpath" an der Küste entlang entpuppte – einschließlich eines wunderbaren Blicks auf den Godrevy Leuchtturm. Dabei entdeckten wir auch eine – zumindest für uns – neue Sportart. Die Wassersportler standen nämlich nicht – wie in Newquay – auf ihren Boards, sondern paddelten auf – bzw. in – ihnen sitzend über die Wellenkämme. Denn eigentlich waren es auch keine Boards, sondern kleine Kajaks, die hier in einem offiziellen Wettkampf zum Brandungssurfen genutzt wurden. Mit Pflichtübungen, Kür und sehr gestrengen Wertungsrichtern. Auf dem Rückweg splittete sich unsere Reisegesellschaft vorübergehend auf: Die meisten genossen ein delikates Abendessen in der kleinen Weinbar „Scarlet Wines" in Lelant bei St. Ives; wir ließen uns bei untergehender Sonne im „Merrymoor Inn", einem gemütlichen Pub in Mawgan Porth an der Mündung des River Menalhyl, eine frisch geräucherte Makrele schmecken. Zum Feierabendbier fanden aber alle wieder zusammen, um – wie üblich – einen ereignisreichen Tag Revue passieren zu lassen.

Der nächste Tag war leider schon wieder der Sonntag – und während unsere Freunde noch die ganze Woche vor sich hatten, wollten wir Montag früh pünktlich um acht Uhr im Morgan Werk in Malvern antreten. Schließlich waren wir nicht „zum Vergnügen" in England. Um uns den Abschied zu erleichtern, hatte die Gruppe beschlossen, uns ein Stück des Weges zu begleiten und die Nordtour nach Hartland Quay zu diesem Zweck ein wenig abzuwandeln.

Auf dem Weg Richtung Malvern Link sollte uns noch ein besonderes „Schmankerl" erwarten – zumindest Teile von uns, die Frauen. Geplant war, die „Mädels" am Hartland Point abzusetzen, wo sie auf dem „Cornish Coast Path" vor malerischer Kulisse, brandender See und schroffen Felsen immer an der Küste entlang bis zum „Hartland Quay Hotel" einen „gut einstündigen, gemütlichen Spaziergang" (O-Ton von Rainer) genießen sollten. Alles war wunderbar erdacht und wir Hamburger hocherfreut ob des überraschenden Highlights. Einzig: Rainer wusste zwar von dem Weg, war ihn aber im Vorjahr nicht selbst gegangen. Doch davon später mehr. Die Anfahrt zum Hartland Point führte unsere tapferen Moggies über immer schmaler werdende Straßen, die irgendwann auch keinen Asphaltbelag mehr hatten. Wohlwollend konnte man sie als „naturbelassen" titulieren. Immerhin – sie waren größtenteils breiter als ein Morgan. Auf dem Parkplatz angekommen, verabschiedeten wir uns tränenreich von unseren Frauen. Sie durften an der Steilküste hoch über dem Meer entspannt flanieren, während wir über staubige Straßen zurückfahren sollten, um die holde Weiblichkeit beim „Hartland Quay Hotel" wieder in Empfang und gemeinsam einen kleinen Imbiss zu uns zu nehmen. Alsbald bestiegen wir also unsere Fahrzeuge, auf dass unsere Frauen nicht noch etwas warten mussten. Auf der vereinbarten Landspitze angekommen, war von ihnen jedoch weit und breit nichts zu sehen. Nicht nach einer Stunde; nicht nach zwei Stunden. Irgendwann tauchte die erste auf – Alla. Sie hatte den Weg als „Trimm-Dich-Einlage" genutzt und die „Beine in die Hand genommen". Natürlich dachten wir, dass der Rest der Gruppe spätestens nach weiteren zehn Minuten ebenfalls erscheinen müsste. Weit gefehlt!

Was als gemütlicher Spaziergang von 5-6 Kilometern Länge angekündigt war, entpuppte sich als zwar landschaftlich ungemein reizvoller Weg mit atemberaubenden Ausblicken, aber auch als teils steiler, steiniger Höhenwanderweg, der zumindest nach alpin-tauglichem Wanderschuhwerk, guter Kondition und gebührender Trittsicherheit verlangt hätte. Die 5-6 Kilometer auf der Landkarte stimmten – zumindest als Luftlinie. In der realen Welt mussten unsere tapferen Frauen steile Schluchten erst hinunter und dann wieder hinaufkraxeln. Und das ohne passendes Schuhwerk... Ich wartete am Ende der Landzunge; Handyempfang gab es dort – fast am Ende der Welt – natürlich nicht! Den Blick stets nach oben gerichtet und nervöser werdend, je länger ich dort saß. Aber nach insgesamt gut drei Stunden hatten sie es dank unermüdlicher, gegenseitiger Motivation doch geschafft! Und sie waren total erledigt, unsere Liebsten! Ob der fortgeschrittenen Tageszeit und unserem verbleibenden „Heimweg" nach Malvern Link, reichte es nur noch für einen schnellen Abschied, ein kurze Umarmung und die Erkenntnis, dass Cornwall auf alle Fälle eine Reise wert ist – ausgestattet mit mehr Zeit... und passendem Schuhwerk. Und dass es nichts Schöneres, Entspannteres gibt, als eine gut vorbereitete gemütliche Morgan-Tour mit Freunden und Gleichgesinnten!

Dienstag, 14. Juli 2015
Jürgen Feye-Hohmann
Andreas-Dagmar Hensing
Bildergalerie:
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